“Geben ist seliger als Nehmen” lehrt uns die Bibel. Dabei ist gemeint, dass es befriedigender ist, etwas für andere zu tun und selbstlos zu sein als passiv zu empfangen. Zweifellos ist Geben sehr erfüllend und auch sehr wichtig, aber im Alltag fällt es gerade Frauen oft sehr schwer, Dinge anzunehmen. Das fängt bei Komplimenten an: meist sind Frauen darauf konditioniert, Komplimente herunterzuspielen. Das schöne Kleid ist eigentlich alt, die schöne neue Frisur ist gar nicht das, was sie wollte, bei der Beförderung im Job habe sie einfach nur Glück gehabt. Und so geht es weiter, Frauen haben oft ein großes Problem damit, Dinge anzunehmen.

Dies liegt zum einen daran, dass Frauen dazu erzogen werden, bescheiden und genügsam zu sein. Anspruchslosigkeit ist immer noch eine weibliche Tugend. Zum anderen liegt es aber auch oft an dem Glaubenssatz, nicht gut genug zu sein. Man hat das alles doch gar nicht verdient, mahnt der innere Kritiker. Selbstunterschätzung ist ein typisch weibliches Problem (Männer haben eher die Selbstüberschätzung als Problem).

Wenn ich aber nicht auch bedingungslos (an)nehmen kann, was das Leben mir so bietet, werde ich es nie in vollen Zügen genießen können. Gerade als Frauen müssen wir uns bewusst machen, dass diese Welt aus Fülle und Überfluss besteht. Es ist weitaus genug von allem und für alle da. Es liegt an uns, diese Fülle wahrzunehmen und in unserem Leben zuzulassen.

Wie alles im Leben kann auch das Nehmen erlernt werden. Übe einfach, gelassen anzunehmen. Das nächste Mal, wenn dich jemand zu einem Kaffee oder einem Essen einlädt, nimm es einfach dankend und lächelnd an. Natürlich ist es nicht nötig, natürlich könntest du das auch selbst bezahlen! Aber genieße doch einfach diese schöne Geste. Wenn dir jemand ein Kompliment macht, sag einfach danke, lächle dazu und freue dich. Spiel das Kompliment nicht mit einem kritischen Kommentar herab. Erlaube dir selbst, vom Leben, beschenkt zu werden. Das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen! Auch schließt das (An)nehmenkönnen nicht aus, dass du trotzdem großzügig bist und selbst gerne gibst. Du sorgst lediglich für eine Balance.

Das Problem mit dem Nehmen hat auch viel mit dem Selbstverständnis der modernen unabhängigen Frau zu tun. Wir sind es so gewohnt, immer aktiv, stark, unabhängig zu sein, dass wir uns in der passiven weiblichen Rolle hilflos und unbehaglich fühlen. Eine gute Gelegenheit also, wieder mehr in deine Weiblichkeit zu kommen. Auch wenn du eine unabhängige Powerfrau bist, darfst du dich von deinem Partner und vom Leben verwöhnen lassen. Dadurch büßt du noch lange nicht deine Unabhängigkeit ein. Du genießt lediglich das Leben ein bisschen mehr. Und das lässt dich wiederum unwiderstehlich wirken.