Wie wir hier schon gesehen haben, ist am Anfang einer Beziehung alles perfekt. Im Rausch der Hormone meinen wir, den absolut richtigen und vollkommensten Menschen auf Erden gefunden zu haben. Jedoch hält diese Phase maximal zwei Jahre an. Dann erwachen wir und blicken der Realität ins Gesicht. Wir entdecken, dass wir vielleicht doch zwei grundverschiedene Menschen sind. Anders aufgewachsen sind, andere Werte vermittelt bekommen haben und auch ganz andere Angewohnheiten haben. Unser Charakter kann auch völlig anders sein als der unseres Partners. Was wir vormals so liebenswert an ihm fanden, kann nun schnell zu großem Konfliktpotenzial werden.

Wir wünschen, dass unser Partner doch anders wäre. So wie wir, früh aufsteht, ordentlich ist, geregelte Mahlzeiten zu sich nimmt und sich dabei mit uns unterhält statt schweigend in seinen Laptop zu starren. Die gute Nachricht ist nun: wenn du weißt, was dich an deinem Partner stört und was du dir anders wünschst, so zeigt dies, dass du dich selbst und deine Gefühle wahrnimmst. Dass du Mut hast, zu dir und deinen Bedürfnissen zu stehen.

Vielleicht kennst du auch eine Frau, die voll und ganz in ihrer Beziehung aufgeht? Sobald sie einen Freund hat, meldet sie sich nicht mehr bei dir, kreist nur noch um ihren neuen Partner und liest ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Oder vielleicht hast du selbst schon einen Partner gehabt, der so war? Ich kann mich noch sehr gut an eine Beziehung erinnern, die ich hatte als ich 18 war. Sie dauerte knapp zwei Jahre, wie die meisten meiner Beziehungen damals. Wenn die Verliebtheit weg war, fand ich die Männer, die ich damals so wählte, wenig attraktiv. Besagter Freund gab sich selbst völlig auf für die Beziehung mit mir. Er traf sich in den zwei Jahren kein einziges Mal mit einem Freund. Nach der Arbeit stand er vor meiner Tür und ließ mich erst wieder alleine, wenn er wieder zur Arbeit musste. Traf ich mich mit meinen Freundinnen, war er selbstverständlich dabei. Er war wie mein Schatten. Wir putzten abends vor dem Schlafengehen gemeinsam Zähne, kochten jeden Samstag ein Drei-Gänge-Menü und gingen jeden Sonntag ins Kino. Alles war ritualisiert und festgefahren als wären wir schon 50 Jahre verheiratet gewesen. Die Beziehung meiner Großeltern war damals wohl aufregender als meine. Schließlich wollte ich nur noch eines: aus dieser Beziehung ausbrechen und so weit wie möglich von ihm weg kommen. Als ich mich von ihm trennte, fühlte ich mich wie der schlechteste Mensch auf Erden. Er war doch so perfekt, mir immer zu Diensten, alle fanden, dass er der ideale Partner sei. Und doch konnte ich in seiner Gegenwart nicht mehr richtig atmen.

Solche Beziehungen sind nicht von Dauer, denn einer bleibt immer auf der Strecke. Die eine Möglichkeit ist, dass Menschen, die sich selbst verleugnen, sitzen gelassen werden. Die andere, dass sie unzufrieden werden, zu notorischen Nörglern mutieren und die ganze Liebe in einem großen Knall endet.

Dauerhaft glücklich wird man nur, wenn man sich gegenseitig Raum zur Entfaltung gibt.

Über Erwartungen hatten wir schon hier gesprochen. Ich hatte dir geraten, kritisch zu prüfen, welche Erwartungen du loslassen kannst und bei welchen es sich um absolute Herzenswünsche handelt. Wenn es um Änderungswünsche an deinen Partner geht, rate ich dir zu einem ähnlichen Vorgehen. Überlege dir, welche drei Wünsche an deinen Partner absolut unerlässlich für dich sind. Dann ist vor allem Geduld angesagt. Natürlich kannst du deinen Partner darum bitten, deinen Wünschen nachzukommen. Dir zuliebe wird er sich bestimmt auch bemühen. Aber mach dir keine falschen Illusionen. Die meisten Menschen brauchen sehr lange für eine Veränderung, erst recht, wenn sie nicht ihre eigene Idee war. Was uns am ehesten zu Veränderungen bewegt ist, wenn der Ist-Zustand schmerzhafter ist, als die Vorstellung oder Anstrengung einer Veränderung. Wir müssen also an einen Punkt kommen, an dem wir mehr Nachteile mit einem Verhalten verbinden als mit der Anstrengung einer Änderung und so können wir unsere Angst vor der Neuerung leichter überwinden. Dann sind wir bereit, loszulassen. Wenn dein Partner also keine negativen Gefühle damit verbindet, den Müll nicht herauszubringen, wird eine freundliche Bitte deinerseits schwerlich ausreichen, ihn dazu zu motivieren, dies nun jeden Tag zu tun. Du solltest also einen langen Atem und sehr viel Gelassenheit mitbringen und ihm zudem die Vorteile für ihn und die Beziehung erläutern, die seine Verhaltensänderung mit sich bringen würde. Bedenke aber, dass deine Meinung nicht richtiger ist als die deines Partners. Wenn du so denkst und dies bewusst oder unbewusst kommunizierst, kannst du dir des Widerstands deines Partners sicher sein. Niemand lässt sich gern unter Druck setzen.

Übrigens verändern wir uns alle fortwährend. Wir sind alle nicht mehr die gleiche Person, die wir vor fünf Jahren waren noch werden wir in weiteren fünf Jahren die gleiche Person sein, die wir heute sind. Durch die große Nähe in einer Partnerschaft gleichen sich Paare ohnehin über die Jahre immer stärker aneinander an. Man kopiert sich gegenseitig.

Welche Veränderung wünschst du dir am meisten von deinem Partner?